Von Dr. med. Mark Henne, Sportorthopäde und Mehrkampftrainer im TSV
Aktuell ist die US-Ski-Legende Lindsey Vonn in aller Munde. Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele zog sich die 41-jährige Ausnahmesportlerin einen Riss des vorderen Kreuzbandes am linken Knie zu, dazu Knochenprellungen und Meniskusschäden. Trotz dieser massiven Verletzung plant sie, bei den Olympischen Spielen in Cortina 2026 in der Abfahrt und im Super-G anzutreten – ein Risiko, das Experten als außergewöhnlich, aber theoretisch möglich bewerten. Entscheidend seien ihre hohe körperliche Fitness, die starke Muskulatur rund ums Knie und der Einsatz einer stabilisierenden Knie-Schiene. Dennoch bleibt das Verletzungsrisiko hoch, da Skifahren enorme Kräfte auf das Knie ausübt.
Stabilität bei schnellen Richtungswechseln
Die Kreuzbänder – meist ist das vordere Kreuzband (ACL) bei Rissen betroffen – stabilisieren das Knie bei schnellen Richtungswechseln, Drehbewegungen und Sprüngen. Risse entstehen typischerweise durch plötzliche Stopps, Verdrehungen oder Stürze, wie bei vielen Sportarten (Skifahren, Fußball, Basketball) mit hohem Impact und häufigen Richtungswechseln. Ohne intaktes Kreuzband kann das Knie instabil werden, was weitere Schäden an Knorpel oder Meniskus begünstigt.In der Leichtathletik ist das Risiko in der Regel deutlich geringer, da vornehmlich lineare Bewegungen (Sprinten und Springen) durchgeführt werden. Allerdings können bei starken Rotationsbewegungen (z. B. beim Werfen) oder Unfällen (Stürze beim Hürdenlauf, Weitsprung oder Stabhochsprung) sehr wohl Verletzungen des Kreuzbandes auftreten. Im Vergleich zu Kontaktsportarten entstehen Kreuzbandrisse in der Leichtathletik seltener, sind aber funktionell oft besonders problematisch, weil viele Disziplinen auf maximale Geschwindigkeit, explosive Kraftentwicklung, einbeinige Absprung- und Landebewegungen sowie hohe Scher- und Rotationskräfte angewiesen sind.
Konservative Therapie ist möglich – aber nicht immer
Eine konservative Behandlung kann in der Leichtathletik unter sehr spezifischen Bedingungen funktionieren: bei Teilrissen oder funktionell stabilem Knie, wenn keine relevanten Meniskus- oder Knorpelschäden bestehen, der sportliche Fokus eher auf Sprint ohne aggressive Richtungswechsel liegt und die Wettkampfambitionen moderat sind. Allerdings sind die Belastungen etwa im Stabhochsprung oder im Mehrkampf so hoch, dass eine konservative Therapie mit reinem Muskelaufbau meist nicht ausreicht, um mittel- bis langfristig standzuhalten.Während ich größtenteils meinen Patienten ohne höhere sportliche Ambitionen von einem schnellen operativen Eingriff abrate – die meisten kommen auch mit einem muskulär gut stabilisierten Knie gut zurecht – rate ich dem Leistungssportler meist zu einem zeitnahen operativen Eingriff im Sinne einer Kreuzbandplastik (meist mittels Semitendinosussehne). Für leistungsorientierte Leichtathleten bedeutet dies eine bessere mechanische Stabilität, einen planbaren Return-to-Sport und ein geringeres Risiko für sekundäre Schäden. Die Rückkehr in Hochrisiko-Disziplinen erfolgt meist nach 9–12 Monaten, oft ergänzt durch neuromuskuläres Training mit Fokus auf Absprung- und Landemechanik.
Erhöhtes Risiko einer frühzeitigen Knorpeldegeneration
Die Langzeitfolgen eines Kreuzbandrisses sind nicht zu vernachlässigen. Leistungssportler haben ein erhöhtes Risiko für frühzeitige Knorpeldegenerationen (vor allem im Absprungbein) mit Entwicklung einer frühzeitigen Arthrose des Kniegelenks sowie biomechanische Probleme, häufig hinter der Kniescheibe. Dabei spielen nicht nur der Kreuzbandriss selbst, sondern auch Begleitverletzungen wie Meniskusrisse eine entscheidende Rolle. Auch operierte Athleten haben langfristig ein erhöhtes Arthroserisiko – dieses tritt jedoch oft später auf und ist funktionell besser kontrollierbar. Untersuchungen zeigen, dass Arthroseraten nach etwa zehn Jahren unabhängig davon auftreten können, ob operativ oder konservativ behandelt wurde, insbesondere bei zusätzlichen Schäden.Zusammenfassend führen in der Leichtathletik vor allem die technischen Disziplinen zu hohen Kniebelastungen. Ein kompletter Kreuzbandriss ist hier ohne Operation langfristig kaum leistungsfähig kompensierbar. Konservative Therapie kann kurzfristig funktionieren, ist jedoch mit einem hohen Risiko für Folgeschäden verbunden. Die operative Rekonstruktion ist im leistungsorientierten Bereich meist alternativlos, auch wenn sie keine Garantie gegen Arthrose bietet. Der Schlüssel liegt häufig in einer hochqualitativen Rehabilitation – nicht allein in der Operation. Elite-Athleten wie Lindsey Vonn zeigen, dass unter besonderen Umständen Wettkämpfe trotz gerissenem Kreuzband möglich sind, dies bleibt jedoch die Ausnahme und ist mit erheblichen Risiken verbunden.